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Kurzbiographie von
William Kelly
Kapitel
15
Nachdem Er so den Wandel im Thema deutlich gemacht hatte,
fährt der Herr fort, Seine Absicht den Jüngern darzulegen in einem der
Gleichnisse, die für unser Evangelium besonders kennzeichnend sind.
"Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der
Weingärtner. Jede Rebe an mir, die nicht Frucht bringt, die nimmt er weg; und
jede, die Frucht bringt, die reinigt er, auf daß sie mehr Frucht bringe. Ihr
seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibet in
mir, und ich in euch. Gleichwie die Rebe nicht von sich selbst Frucht bringen
kann, sie bleibe denn am Weinstock, also auch ihr nicht, ihr bleibet denn in
mir." (Verse 1-4).
So stellt der Herr Israel als irgendeine Quelle des
Fruchtbringens für Gott beiseite. Schon lange vorher hatten die Propheten
verkündigt, daß die Nation wilde Reben trage wie ein nutzloser Weinstock oder
einer, der es nur wert war, verbrannt zu werden. Aber der Herr stellt Sich
Selbst als den wahren und einzig für Gott annehmbaren Weinstock ins Licht. Dies
war eine ungeheure Wahrheit, die die Juden lernen mußten. In Israel war alles,
worauf sie vertrauten, die Religion. Da gab es den Tempel, da gab es die
Priesterschaft, da waren die Opfer, da waren die Feste; da war jede Verordnung,
öffentlich oder privat, groß oder klein, von Gott eingesetzt. Außerhalb von
Israel waren die Heiden, die Gott nicht kannten. Jetzt reißt der Herr nicht
allein den Schleier von dem hohlen Zustand des auserwählten Volkes hinweg,
sondern Er macht auch das Geheimnis bekannt. Er ist der Weinstock, der wahre
Weinstock. Er ist nicht bloß ein fruchtbares Gewächs, wo alle anderen
unfruchtbar waren; Er ist Selbst der wahre Weinstock. So haben wir das positive
Objekt vor uns, die eine Quelle des Fruchtbringens.
"Und mein Vater", fügt Er hinzu, "ist der Weingärtner".
Aber da ist noch eine andere Wahrheit nötig, die Offenbarung Seines Vaters (Er
war noch nicht voll als ihr Vater offenbart, wenn dies auch bald in Seiner
Auferstehung der Fall werden sollte), nicht mehr die Offenbarung Jahwes, wie
einst in dem Weinberg der Nation, und auch nicht als der Allmächtige, wie Er den
Vätern bekannt war. Als Vater geht Er mit den Reben des Weinstocks um, der
Christus Selbst auf Erden ist, das Ziel jedes aktiven und wachsamen Interesses
an Seinem Vater, Der auf Frucht wartet. Aber es ist nicht Er allein; da sind
Reben an Ihm. Hier kommt die Verantwortung ins Blickfeld: denn da sind die
Jünger des Herrn, einst bloß Juden in ihrer natürlichen Verfassung, aber sie
waren fortan berufen, für Gott Frucht zu bringen.
Und welche Bedingungen werden aufgestellt?
"Jede Rebe an mir, die nicht Frucht bringt, die nimmt er
weg; und Jede, die Frucht bringt, die reinigt er, auf daß sie mehr Frucht
bringe". Das ist klarerweise die Herrschaft des Vaters bei denen, die den Namen
des Herrn tragen. Den unfruchtbaren Lippenbekenner entfernt Er; den Fruchtbaren
reinigt Er, auf daß er mehr Frucht trage. Der Vater richtet entsprechend dem
Werk jedes Menschen. In erster Linie ging es um die Jünger; aber der Grundsatz
geht natürlich auch uns an, jetzt, wo Israel noch deutlicher beiseite gerückt
ist. Wie der Apostel uns in Hebräer 12 lehrt, züchtigt Er uns zu unserem Nutzen,
damit wir Seiner Heiligkeit teilhaftig werden. Hier werden wir, wenn wir nicht
weggenommen werden, gereinigt, um mehr Frucht zu bringen. Es ist ein ganz
anderer Zustand der Dinge, als wenn der Messias in Macht herrscht und Sein Volk
in Wohlstand lebt, wenn Satan ausgeschlossen ist und die Wüste frohlockt und
blüht wie eine Rose. Ohne Zweifel ist es nicht die Vereinigung mit Christus im
Himmel und auch nicht allgemein die Vorrechte der Gnade in Ihm, sondern der
Aufruf, Ihn alles sein zu lassen auf Erden in unserem täglichen Leben, wenn wir
in der Tat Frucht bringen möchten. Er, nicht das Gesetz, ist die Lebensregel und
die Quelle der Fruchtbarkeit; auch gibt es keine andere Möglichkeit für den
Christen, nicht einmal der Geist, der das Wort gebraucht, um Christus zu
verherrlichen, sondern nur Er.
Die Jünger hatten schon die reinigende Kraft des Wortes
erfahren. "Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet
habe". Sie hatten es aufgenommen und wußten, daß Er von Gott kam, wenn sie auch
den Vater bestenfalls nur unvollkommen kannten. Doch Christi Wort hatte in ihren
Seelen gewirkt. Es hatte ihre Wege gereinigt. Es hatte ihre weltlichen Gedanken
gerichtet, es hatte ihre fleischlichen Wünsche bloßgelegt: die Wirkung war in
ihren Gewissen Wirklichkeit. Judas war jetzt fort, so daß der Herr nicht sagen
muß! "Ihr seid rein, aber nicht alle"; sondern im Gegenteil: "Ihr seid schon
rein", sogar bevor der Heilige Geist als Kraft aus der Höhe gegeben war. Die
reinigende Wirkung des Wortes ist eine grundlegende Wahrheit der Schrift, die
leicht vergessen wird, nicht nur von dem Katholiken, der auf Verordnungen
vertraut, sondern auch von dem Protestanten, der ausschließlich vom Blut des
Erlösers spricht, "das reinigt von aller Sünde". Gott bewahre, daß ein Wort
gesagt werde, um jenes Blut zu überschatten oder eine Seele von seinem
rechtfertigenden Wert abzukehren! Aber aus der Seite des Herrn floß Wasser und
Blut heraus; und wir brauchen beides. Das Blut versöhnt, das Wasser reinigt; und
so wie das Blut ausgegossen bleibt und ein für allemal wirksam bleibt, im
Gegensatz zu den wirkungslosen und mannigfaltigen Opfern der Juden, so wird das
Waschen mit Wasser durch das Wort nicht nur am Anfang angewandt, sondern es wird
gebraucht, um ständig zu reinigen. Wo man dies nicht sieht, gibt es Verwirrung,
und die grundlegende Wahrheit wird abgeschwächt, wenn nicht sogar zerstört.
Aber hier besteht der Herr noch auf mehr
- auf der
Notwendigkeit und der Wichtigkeit der Abhängigkeit von Ihm, der innigen
Gemeinschaft mit Ihm. Das bedeutet in Christus zu bleiben. Und Sein Wort lautet: "Bleibet in mir, und ich in euch". Es ist
nicht souveräne Gnade dem Sünder gegenüber, sondern Seine Aufforderung an den
Jünger. Und deshalb hängt Sein Bleiben in uns als eine Tatsache täglicher
Gemeinschaft von unserem Bleiben in Ihm ab. "Gleichwie die Rebe nicht von sich
selbst Frucht bringen kann, sie bleibe denn am Weinstock, also auch ihr nicht,
ihr bleibet denn in mir". Nichts ist einfacher als die äußere Tatsache, nichts
ist unserer Erfahrung nach sicherer, als daß es so innerlich ist. Er, und Er
allein, ist der Wohnplatz für die Seele in dieser Welt der Versuchung und
Gefahr, in dieser Wüste, wo es kein Wasser gibt. Laßt Ihn zur Hilfsquelle
werden, laßt Ihn den Zielpunkt sein; und der Saft strömt sozusagen ohne
Hindernis, und Frucht wird gebracht. Ohne Ihn hilft keine Lehre, und jede
religiöse Anstrengung versagt. Wenn man Ihn einläßt, wenn man auf Ihn vertraut,
dann - gleichgültig wie groß die Schwierigkeiten oder der Schmerz oder die
Schmach sind, wie groß die Opposition oder die Ablenkung ist - stützt Er das
Herz, und Fruchtbringen folgt. Ohne Ihn können wir nichts tun; mit Ihm können
wir alles tun. So sagte einer, der es gut gelernt hatte: "Alles vermag ich in
dem, der mich kräftigt" (Phil 4,13).
Es scheint kaum nötig zu sein zu bemerken, daß das
Verhältnis von Haupt und Leib in der Schrift einem ganz anderen Zweck dient und
ganz getrennt gehalten werden muß. Die himmlische Gnade bildet jenen einen Leib
durch den einen Geist, der verbunden ist mit dem verherrlichten Haupt; und dabei
hören wir nichts von Zerreißen, Zertrennen oder Abschneiden. Da wird die Kirche
als der Gegenstand Christi unwandelbarer Liebe gezeigt, bis Er sie Sich Selbst
verherrlicht darstellt. Die Verantwortung auf Erden unter göttlicher Herrschaft
ist etwas anderes; und diese, nicht die nie versagende himmlische Beziehung der
Versammlung, wird durch den Weinstock und seine Reben erläutert. Deshalb sind
die calvinistischen Schlüsse ebenso unangebracht wie die arminianischen
Angriffe, die sie abwenden wollen. Keiner zweifelt daran, daß das Bekenntnis
versagen kann. Das Leben ist für alle ewig; und in Christus mangelt nichts an
ewigem Leben; aber das ist nicht die Lehre des Weinstocks und auch nicht die
Einheit des Leibes. Es ist schade, daß Gelehrte nicht mit Glauben und Sorgfalt
an die Schriften herangehen, die sie versuchen zu erläutern.
Die einleitenden Worte hatten den Grundsatz Christi als die
Quelle der Frucht im Gegensatz zu Israel und unter der lebendigen beobachtenden
Fürsorge des Vaters dargelegt. Das war etwas ganz anderes als die Herrschaft des
Fleisches durch das Gesetz vor Jahwe, wie in dem auserwählten Volk, zu dem alle
Reben gehörten. Christus läst hier die alten Verbindungen. Er hatte gezeigt, daß
die Frucht in des Vaters Augen so unentbehrlich ist, daß ein Nicht-Fruchtbringen
die Entfernung der Rebe nach sich zieht, während die Rebe, die Frucht bringt,
gereinigt wird, damit sie noch mehr Frucht bringt. Er hatte verkündigt, daß die
Jünger schon aufgrund Seines Wortes rein seien und hatte sie dringend gebeten,
in Ihm zu bleiben, wie Er in ihnen; und das deshalb, weil sie keine Frucht
bringen konnten, wenn sie nicht in Christus blieben, ebenso wenig, wie die Rebe
Frucht bringen kann, sie bleibe denn am Weinstock.
Als nächstes faßt Er diese wichtige Wahrheit der
Gemeinschaft mit Ihm in ihren großen positiven Elementen zusammen und bringt sie
zum Ausdruck, indem Er sie dem Verlassen von Ihm krass gegenüberstellt.
"Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir
bleibt und ich in ihm, dieser bringt viel Frucht, denn außer mir könnt ihr nichts
tun" (Vers 5)
Es gibt nichts Deutlicheres. Der Herr läßt keine Unklarheit
in einer Angelegenheit, die so nahe sowohl Ihn als auch sie betrifft. Ebenso
sicher wie Er der Weinstock war, sind sie die Reben. Es kann und konnte auf
Seiner Seite kein Versagen geben. Es ist für uns leicht, in der Abhängigkeit zu
versagen und zu wenig Vertrauen zu Ihm zu haben. In Ihm zu bleiben, setzt
voraus, daß wir nicht bloß uns selbst mißtrauen, sondern auch an Ihm hangen und
mit Ihm rechnen. Jeder Einfluß um uns herum steht diesem entgegen; ebenso auch
jedes natürliche Empfinden. Nur der Glaube, der durch Liebe wirkt, sichert
dieses, denn dann ist das Ich und die Welt gleicherweise im Lichte Gottes
gerichtet. Es ist nicht nur so, daß wir Ihn brauchen und nichts ohne Ihn tun,
sei es das Kleinste oder auch das Größte, sondern Er zieht uns auch durch Seine
positive Auserlesenheit an. Wenn Er die eine Quelle der Frucht ist, die für den
Vater angenehm ist, so kann man Ihn ohne Schuld nicht verlassen, am wenigsten
können das die, die Ihn bekennen. Der Herr spricht nicht von der Gnade, die
ewiges Leben in Ihm gibt, sondern in diesen ganzen Versen spricht Er von der
Verantwortung der Jünger. Deshalb, wie wir jetzt sehen werden, besteht die
Gefahr des Verderbens und der Unfruchtbarkeit, wo man nicht in Ihm bleibt.
Das ist dann das Geheimnis des Fruchttragens. Es liegt
nicht bei den Heiligen oder bei dem eigenen Ich, sondern daran, daß man in
Christus bleibt und Christus in uns. Dann gibt es mehr als verheißungsvolle
Blüte; die Frucht folgt. Wo Er unserem Blick entschwindet oder wir anderswo
hinschauen, gibt es keine solche Kraft: wir zeigen unsere Natur, nicht Christus.
Auch beeinflußt der Charakter der Umstände nicht das Ergebnis: Er ist allem
überlegen trotz unserer Schwachheit. Wenn wir in Christus bleiben, können wir
sicher auch dem Allerfeindlichsten ins Auge schauen; und wenn Fallen gelegt sind
und wir provoziert werden - was macht das, wenn wir entsprechend Seinem Wort als
solche gefunden werden, die in Christus bleiben, und wenn Christus in uns
bleibt, wie Er es dann tun wird? Denn Er garantiert, daß diese beiden Dinge sich
entsprechen, und wir wissen das. Weiter - folgt die Frucht deswegen, weil wir
mit teuren Kindern Gottes zusammen sind? Ach! wie oft zeigt sich genau das
Umgekehrte. Der Leichtsinn, wenn nicht sogar die Bitterkeit, kommt in unseren
Herzen umso mehr zum Vorschein, weil wir Heilige sind, die nicht in Christus
bleiben. Denn Klatsch über Heilige zu Heiligen ist sogar noch erbärmlicher als
unter den Söhnen dieses Zeitalters, von denen nicht wenige über diesem zu stehen
scheinen, wenn auch aus der Kraft ihrer eigenen Natur heraus - und natürlich
nicht durch Christus. Auch wiederum können Versuchungen nicht geistliche Frucht abschütteln, und beschmutzende Einflüsse können nicht
eindringen, wenn wir in Christus bleiben und Christus in uns. Aber je größer der
Druck, umso größer ist die Frucht, wenn wir so in Christus bleiben. Und das Herz
fühlt, daß es so sein sollte, wie es ist. Denn da Verordnungen versagen und das
Gesetz die Kraft der Sünde ist (nicht der Heiligkeit, da das Fleisch das ist,
was es ist), so hat Christus hier wie überall die Herrlichkeit durch den Glauben
und für den Glauben. "Denn außer mir könnt ihr nichts tun".
Auf der anderen Seite ist die Gefahr verhältnismäßig
größer.
"Wenn jemand nicht in mir bleibt, so wird er hinausgeworfen
wie die Rebe und verdorrt; und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie
verbrennen" (Vers 6).
Christus ist die einzige Quelle zur Frucht, und Ihn zu
verlassen, ist verhängnisvoll; und das umso mehr, wenn es so am Ende geschieht,
wo Er umso kostbarer sein sollte, da die Wertlosigkeit von allem anderen
praktisch erfahren wird und Seine Hervorragenheit dem Glauben noch deutlicher
wird. So war es bei Judas, und so ist es im allgemeinen bei denen, die nicht von
Gott geboren sind und die versuchen, Jesus nachzufolgen. Nicht nur ihre Gelüste,
sondern auch Seine Worte mögen die Gelegenheit geben, wie wir in Johannes 6 sehen.
Es ist vergeblich und unheilvoll, zwischen der Person und dem Werk zu
unterscheiden, wie die Theologen und andere es tun, die von beiden Seiten her
über die Gleichsetzung der Wahrheit nachdenken. Der Calvinist fürchtet, seine
Lehre von der Gnade bloßzustellen; der Arminianer ist ängstlich darauf bedacht,
angesichts des Abfalls sein Heil zu sichern. Deshalb neigt die erste Richtung
dazu, der ernsten Warnung vor dem persönlichen Verderben und dem endgültigen
Gericht, die hier ausgesprochen wird, keine Beachtung zu schenken, so wie die
letztere Gruppe darauf besteht, daß der Abschnitt einschließe, daß eine
gerettete Seele am Ende doch verloren gehen kann. Sie beide vermischen das Bild
von dem Weinstock mit dem Leib in Eph 2-4, und deshalb irren sie gleichermaßen.
Und natürlich sind sie nicht in der Lage, diese Schriftstellen befriedigend
auszulegen, so daß sie die ganze Wahrheit in Händen haben, ohne die eine Seite
zugunsten der anderen Seite aufzugeben.
Der Irrtum kommt in dem anglikanischen Taufritus klar zum
Ausdruck: "In Anbetracht dessen, daß dieses Kind jetzt wiedergeboren ist und in
den Leib der Kirche Christi eingepfropft ist". In den Ölbaum von Röm 11
eingepfropft zu werden, ist ihrer Lehre nach gleichbedeutend mit der Tatsache,
ein Glied des Leibes Christi zu werden; und die Ergebnisse solcher Verwirrung
sind immer für die Gegner der Wahrheit von Vorteil. Die Antwort ist die, daß der
Leib der Ausdruck der Einheit durch den Heiligen Geist ist, und daß der
Weinstock auf der Gemeinschaft beruht als der Bedingung für die Fruchtbarkeit.
In keinem Falle schließen solche Bäume notwendigerweise Leben ein, sondern den
Besitz des Vorrechtes bei dem Ölbaum und die Verantwortung dafür, Frucht zu
tragen, bei dem Weinstock. Christus zu verlassen, bedeutet deshalb größtes
Verderben.
Es heißt nicht nur, unfruchtbar zu sein, sondern auch,
verbrannt zu werden. Es ist nicht bloßes Schadenerleiden, wie in 1Kor 3,15,
sondern offen verworfen zu sein, wie in 1Kor 9,27. So gibt jede Schriftstelle
ihr eigenes Zeugnis ab und hat ihren eigenen Wert, wobei keine Stelle
herausgerissen werden kann, wenn auch die Menschen über das Wort stolpern mögen,
da sie ungehorsam sind, wie ein anderer Apostel sagt.
Aber jetzt kehrt der Herr von dem traurigen Fall des
Menschen, der Ihn verläßt, zu den Jüngern zurück, und Er zeigt ihnen mit
göttlicher Einfachheit und Fülle den Weg des Segens und der reichen Frucht.
"Wenn ihr in mir bleibet und meine Worte in euch bleiben,
so werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch geschehen. Hierin wird
mein Vater verherrlicht, daß ihr viel Frucht bringet, und ihr werdet meine
Jünger werden" (Verse 7 u. 8).
So wird alles an seinen richtigen Ort gerückt. Die erste
Notwendigkeit für den Christen ist die, in Christus zu bleiben; die nächste, daß
Christi Worte in ihm bleiben; dann wird er ermutigt, mit der Zusicherung, daß
die Quellen der göttlichen Kraft entsprechend wirken, zu beten. Denn so hat
Christus Selbst den ersten Platz, und der Heilige wird in Abhängigkeit und in
Zuversicht bewahrt. Dann leiten und korrigieren Seine Worte, und wir brauchen
und haben beides, wenn auch ohne Zweifel bei diesem Bleiben das Leiten hier das
Charakteristische wäre, eher als jene heilige Verbesserung, die wir tief in
unserem Wandel durch diese unreine und schlüpfrige Welt nötig haben. Wenn wir so
geleitet werden, wird das Gebet ermutigt, die sicherste Antwort zu erwarten,
denn das Herz ist in Gemeinschaft mit Ihm, Der den Wunsch eingibt, um ihn in
Seiner Liebe und Treue zu erfüllen. Weiterhin wird hierin der Vater
verherrlicht, daß wir viel Frucht bringen, und daß wir Seine Jünger werden.
Welch eine Beruhigung für das Herz, daß es so sein soll inmitten dessen, was
ohne Ihn nur Betrübnis und Angst, wenn nicht sogar Schlimmeres dem Heiligen
bereiten würde! Mit Christus ist alles verändert, und sogar die am meisten
niederziehenden Bemühungen wenden sich zu Frucht; so daß das im Fleisch leben,
anstatt bei Ihm in der Herrlichkeit zu sein, sich lohnt, aber nur dann, wenn
Christus unser Leben ist. So wurde Sein Vater sogar jetzt verherrlicht, und wir
wurden in der Tat und in Wahrheit Christi Jünger.
Ein anderes Element unschätzbaren Wertes auf dem Pfad des
Jüngers ist das Bewußtsein von der Liebe des Heilands. Dieses wird ihnen als
nächstes vor Augen gestellt.
"Gleichwie der Vater mich geliebt hat, habe auch ich euch
geliebt; bleibet in meiner Liebe. Wenn ihr meine Gebote haltet, so werdet ihr in
meiner Liebe bleiben, gleichwie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und
in seiner Liebe bleibe. Dies habe ich zu euch geredet, auf daß meine Freude in
euch sei und eure Freude völlig werde" (Verse 9-11).
Wir müssen im Gedächtnis behalten, daß das Thema das
Fruchtbringen des Jüngers während seines Wandels durch diese Welt ist. Es ist
nicht ein ewiges Ziel, und auch ist es nicht jene Liebe in der Gemeinschaft, die
unwandelbar von Anfang bis Ende sichert, sondern Christi Liebe gegenüber jedem auf
Seinem Pfad des täglichen Wandels und der täglichen Versuchungen. Wir wissen,
wie jene Liebe auf der Seite Seines Vaters ihnen gegenüber als Mensch war, wenn
Er hier unten auch niemals aufhörte, der Sohn zu sein. So war Seine eigene Liebe
gegenüber den Jüngern; und jetzt fordert Er sie auf, in ihr zu bleiben, nicht in
Ihm allein, sondern, was noch mehr ist, in Seiner Liebe: eine unendliche und nie
versiegende Quelle des Trostes in dem notwendigerweise schmerzlichen und
anderswie enttäuschenden Strom der irdischen Umstände, die ihnen um Seinetwillen
so stark entgegenstehen. Das Buch der Sprüche sagt: "Gebet Wein denen, die
betrübter Seele sind". Aber Seine Liebe ist besser als Wein, sie erfreut und
stärkt ohne fleischliche Erregung. Da ist also nicht nur Abhängigkeit von Ihm,
sondern auch jenes Vertrauen zu Ihm, das Seine Liebe einflößen soll.
Aber es folgt noch mehr, ja, es folgt der Gehorsam. "Wenn
ihr meine Gebote haltet, so werdet ihr in meiner Liebe bleiben, gleichwie ich
die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe". Es ist
deutlich, daß wir hier nichts mit der souveränen Gnade Gottes zu tun haben, die
zu den Verlorenen ausgeht und Feinde durch den Tod Seines Sohnes versöhnt. Denn
gleichwie durch den einen Menschen (Adam) Ungehorsam die vielen in die Stellung
von Sündern gesetzt worden sind, so werden auch durch den Gehorsam des einen
(Christus) die vielen in die Stellung von Gerechten gesetzt werden. Die Gnade in
Christus übersteigt jedes Hindernis, und sie herrscht gerecht über alles Böse,
ob bei dem einzelnen, oder bei dem Volk. Hier geht es nicht um das Verderben
oder die Befreiung des Sünders, sondern um den Pfad des Jüngers; und sein
Gehorsam ist die Bedingung, um in der Liebe seines Meisters zu bleiben. Der, Der
in allen Dingen den Vorrang hat und haben muß, ging denselben Pfad und nahm
dieselbe Bedingung als Mensch hier unten an; wenn Er es auch nicht für einen
Raub achtete, Gott gleich zu sein, so wurde Er doch gehorsam, und zwar bis zum
äußersten Punkt zur Ehre Gottes des Vaters. Er tat in unerschütterlicher
Vollkommenheit den Willen Dessen, Der Ihn gesandt hatte, und genoß in gleicher
Vollkommenheit die Frucht. Wir folgen Ihm, wenn auch mit ungleichen Schritten;
und sicherlich sollte der, der sagt, daß er in Ihm bleibt, Selbst auch so
wandeln, wie Er wandelte. Und der Gehorsam ist der Weg. Kein anderer ziemt uns
moralisch, wie dieser nur unsere Liebe und unser Gefühl der Verbindung zu Gott
prüft. Nichts ist so demütig, nichts ist so stark wie der Gehorsam. Er befreit
von der Selbstbehauptung auf der einen Seite und auf der anderen Seite von der
Unterwerfung unter menschliche Meinungen und Traditionen. Er konfrontiert uns
mit dem Worte Gottes und prüft unseren Wunsch, Ihm zu gefallen inmitten des
gegenwärtigen Wohlergehens, der Ehre, der Lust oder der Leidenschaft. Auch hier
geht es darum, Christi Gebote zu halten, als das, was Seine Liebe sichert, wie
wir in Kap. 14 sahen, daß es ihre Liebe zu Ihm bewies.
Das letzte Motiv, das der Herr den Jüngern in diesem
Zusammenhang vor Augen stellt, ist in dem nächsten Vers enthalten.
"Dies habe ich zu euch geredet, auf daß meine Freude in
euch sei und eure Freude völlig werde". Es gibt auch kein besseres Kennzeichen
unseres Zustandes und folglich unseres Versagens oder Erfolges beim Eindringen
in Seine Gedanken. Denn wenn wir die Worte dieses Kapitels gesetzmäßig
auffassen, so gibt es kaum andere Worte in der Bibel, die leichter eine
aufrichtige Seele in Angst und Depression tauchen können. Aber wenn wir sie so
verstehen, wie sie beabsichtigt sind, so sind sie ausdrücklich dazu gegeben, um
Seine Freude uns mitzuteilen und unsere Freude völlig zu machen. Seine Freude,
als Er hier war, Bestand darin, Seinem Vater zu gefallen; Seinen Geboten zu
gehorchen, war Ihm nicht beschwerlich. Diese Freude von Ihm, wie sie während
Seines Wandels nie getrübt wurde, sollen wir zu unserer machen.
Was für ein Gegensatz zu dem unfruchtbaren Stöhnen einer
Seele unter dem Gesetz, auch wenn sie erweckt ist, wie am Ende von Röm.7! Welch
eine Gnade, wenn wir solche Bitterkeit geschmeckt haben, daß wir jetzt wissen,
daß unsere Freude im Gehorsam völlig ist! Der letztere Teil von Röm 7 ist für
uns ein heilsamer Prozeß, um ihn durchzumachen, aber es ist elender Stand: denn
als solchen hat Gott das niemals beabsichtigt. Denn Kap. 8 zeigt uns den
befreiten Christen, wie er heilig ist und gute Frucht trägt. Können wir zugleich
auf beiden Grundlagen stehen? Nur der könnte das bejahen, der noch nicht frei
ist. Seht euch das an, Theologen; und ihr, die ihr ihnen glaubt und Christi
Freude nicht schmeckt!
Das ist ganz gewiß Sein Wunsch in unserer Hinsicht.
Diejenigen, die ihn ignorieren oder verleugnen, berauben uns dieser Freude, die
sie auch ohne Zweifel selbst nicht haben. Auch brauchen wir uns selbst nicht zu
wundern; denn wie die Philosophie niemals göttliche Liebe erfassen kann, so geht
auch die Theologie, da sie menschlicher Wissenschaft Vorschub leistet, immer an
der Freude des Heilands vorbei, und sie sucht Vergnügen und Applaus bei den
Schulen der Welt, die den Vater jetzt nicht mehr kennen als zu alter Zeit,
"Gerechter Vater.", sagte Er ein wenig später, "die Welt hat dich nicht erkannt;
ich aber habe dich erkannt, und diese (die Jünger) haben erkannt, daß du mich
gesandt hast; und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun,
auf daß die Liebe, womit du mich geliebt hast, in ihnen sei und ich in ihnen".
Was für eine unaussprechliche Güte! Zeigt nicht jeder
Gedanke und jedes Gefühl und jedes Wort seinen göttlichen Ursprung? Der
hergestellte Friede ist etwas Großartiges als die Grundlage der Seele, er soll
nie entfernt werden, und Gott möchte, daß wir ihn einfach und unveränderlich
erkennen; aber wir dürfen nicht die Freude des Gehorsams und die Gunst des Herrn
als etwas Gegenwärtiges in unseren alltäglichen Wegen vergessen. Das ist von den
Kindern Gottes zuviel übersehen worden, und zwar kaum mehr durch die nachlässige
Laxheit der Evangelischen Lehre als durch die mürrische Härte der Vertreter des
Gesetzes, die alle gleichermaßen den vollen Grund der Gnade und den wahren
Charakter der Herrschaft Gottes, die damit als etwas Gegenwärtiges verbunden
sind, nicht kennt.
Der Herr stellt hier einen besonderen Charakter der Frucht, die immer kostbar ist, heraus, und zwar in der Beziehung
der Jünger untereinander, wie wir vorher die Beziehung Christi und des Vaters zu
ihnen hatten.
"Dies ist mein Gebot, daß ihr einander liebet, gleichwie
ich euch geliebt habe. Größere Liebe hat niemand, als diese, daß jemand sein Leben
läßt für seine Freunde. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was irgend ich euch
gebiete. Ich nenne euch nicht mehr Knechte, denn der Knecht weiß
nicht, was sein Herr tut; aber ich habe euch Freunde genannt, weil ich alles,
was ich von meinem Vater gehört, euch kundgetan habe. Ihr habt nicht mich auserwählt, sondern ich habe euch
auserwählt und euch gesetzt, auf daß ihr hingehet und Frucht bringet, und eure
Frucht bleibe, auf daß, was irgend ihr den Vater bitten werdet in meinem Namen,
er euch gebe. Dies gebiete ich euch, daß ihr einander liebet." (Verse
12-17).
Die Liebe ist ganz betont das Gebot des Herrn an Seine
Jünger, die Liebe untereinander. Es ist nicht die allgemeine moralische Pflicht,
den eigenen Nachbarn zu lieben, sondern die gegenseitige Liebe von Christen, und
der Maßstab derselben ist Seine eigene Liebe zu ihnen. Die Natur des Falles
schließt die Liebe Gottes aus, die zu ihnen in ihrer Schuld, in ihrer
Feindschaft und Schwachheit ausging, als sie Zielpunkte der souveränen Gnade
waren. Sie waren jetzt von Gott geboren, und deshalb die Liebe; denn die Liebe,
wie sie bei Gott ist, Der die Liebe ist, ist die Kraft der neuen Natur. Deshalb
ist dies, was auch immer sonst der Herr ihnen auferlegen mag, Sein Gebot: Er
liebte sie und wollte, daß sie einander dementsprechend liebten. So sagt Paulus
den Thessalonichern, daß er es nicht nötig habe, ihnen darüber zu schreiben,
denn so jung sie auch in göttlichen Dingen waren, so waren sie doch von Gott
gelehrt, einander zu lieben. Dies war auch der vortrefflichere Weg, den er den
korinthischen Heiligen zeigen wollte, die zu ihrem eigenen Verderben mehr mit
der Macht beschäftigt waren als mit der Liebe und mehr mit der Offenbarung des
Sieges des Herrn in Seiner Schöpfung über Satan als mit der inneren Kraft, die
Seine Gnade gegenüber ihren eigenen Seelen oder anderen zur Ehre Gottes erfreut.
Auch die römischen Heiligen werden wiederholt zur Liebe ermahnt. Die Liebe
sollte ungeheuchelt sein, und es wurde auch gesagt, daß, wo immer sie war, das
Gesetz praktisch erfüllt habe, ohne daran zu denken. Es ist nicht nötig, alle
Briefe durchzugehen, wo der Heilige Geist den unendlichen Platz und die
unendliche Macht der Liebe offenbart.
Aber jeder Gläubige, der mit dem Neuen Testament vertraut
ist, wird sich erinnern, was für einen großen Teil die Liebe in dem ersten Brief
unseres Evangelisten einnimmt. Nicht daß Liebe Gott ist, sondern Gott ist Liebe,
so wie Er Licht ist; und der, der liebt, ist von Ihm geboren und erkennt Ihn.
Denn die Menschen machten damals die Erkenntnis zum höchsten Gut, wie vorher die
Macht; doch es ist eine Frage des Lebens in dem Sohn Gottes, und der Heilige Geist wirkt in jenem
Leben aufgrund der Erlösung, und die, die Leben haben, wandeln ebenso, wie sie
in dem Licht wandeln, auch in der Liebe. Und was die Erkenntnis angeht, so ist
auch keine wahrhaftig außer in Ihm, in Seinem Sohn Jesus Christus. Er ist der
wahrhaftige Gott und das ewige Leben: jedes Ziel außerhalb von Ihm ist ein Idol,
von dem wir uns fernhalten müssen, sei es Erkenntnis, Macht, Stellung, Liebe,
Wahrheit oder irgend etwas sonst. Denn wer immer den Sohn leugnet, hat nicht den
Vater; wer den Sohn bekennt, hat auch den Vater. Und so wie der Vater uns Liebe
über alle Maßen geschenkt hat, indem Er uns sogar zu Kindern Gottes macht, so
kennzeichnet das Lieben der Brüder die, die vom Tode zum Leben übergegangen
sind. Das alte Gebot ist das Wort Christi, daß wir einander lieben sollen. Aber
es ist auch ein neues Gebot, da es wahr ist in Ihm und in uns. Wenn Christus in
mir lebt, lebe ich durch den Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und
sich selbst für mich hingegeben hat; und dieses Leben wird nicht nur durch
Gehorsam gekennzeichnet, sondern auch durch Liebe entsprechend ihrem Ursprung.
Und so ist es hier. Der Herr hatte das als ein neues und
selbstständiges Gebot dargelegt, das Er ihnen in Kap. 13 gab. Hier wiederholt Er
die Liebe gegeneinander entsprechend dem Beispiel Seiner Liebe zu ihnen. Wie
rein und schrankenlos war diese! Glauben wir daran als Seinen Willen uns
gegenüber? Lieben wir, als wenn wir an Ihn glaubten und Seine Liebe schätzten?
Kann irgend etwas hohler oder gefährlicher oder ekelhafter sein als die höchsten
Worte bei niedrigen und damit nicht übereinstimmenden Wegen? Der Gnostizismus
lebte aus der frühen Christenheit heraus, wo er nicht in Aberglaube und
Formsache verfiel und immer dunkler und kälter wurde; und derselbe ist heute
noch zerstörender, weil er noch viel mehr Angriffspunkte hat und sich im
Unglauben sogar zum Agnostizismus verhärtet. Einander zu lieben, nicht bloß die,
die gleiche Gedanken haben, am wenigsten von allen die, die bei einigen
verhältnismäßig kleinen und äußerlichen Punkten dasselbe denken, sondern die zu
lieben, trotz zehntausend Dinge, die versuchend auf ihre Natur einstürmen, ist
bei der Wahrheit von größter Bedeutung und wird geschätzt, es ist einander
lieben, wie Er uns liebte. Er freut sich an der Liebe bis zum Tode.
Größere Liebe hat niemand, als diese, daß jemand sein Leben
läßt für seine Freunde. Die Liebe Gottes in Jesus ging unendlich weiter. Aber
dann steht sie notwendigerweise alleine, und es ist passend, daß sie alleine
steht. W i r sollten unser Leben für die Brüder lassen, wie wir anderswo
gelehrt werden. Aber wo ist der Wert solcher Theorien, wenn wir im täglichen
Aufschließen unseres Herzens für die gemeinsamen Bedürfnisse und Leiden der
Kinder Gottes versagen (1Joh 3,17 u. 18). Der Herr verbindet sofort die Liebe
mit dem Gehorsam, ohne den sie bloß Selbstgefälligkeit ist und Ihn nicht in oder
vor der Seele hat. "Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was irgend ich euch
gebiete". Er spricht nicht davon, Feinde zu versöhnen, sondern davon, warum Er
uns Seine Freunde nennt. Der gehorsam ist der Charakter und die Bedingung. Auch
sagt Er hier nicht, daß Er als unser Freund da stand, als wir Feinde waren,
sondern Er nennt uns Seine Freunde, wenn wir tun, was Er Seinen Jüngern
aufträgt. Ist das alles? Weit gefehlt. Er behandelt uns als Freunde
entsprechend Seiner vollkommenen Liebe, denn Er führt uns in Seine Geheimnisse
ein, anstatt uns bloß unsere Pflicht einzuprägen. "Ich nenne euch nicht mehr
Knechte, denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut; aber ich habe euch
Freunde genannt, weil ich alles, was ich von meinem Vater gehört, euch kundgetan
habe". Der Mann, der zu alter Zeit "der Freund Gottes" genannt wurde, erfreute
sich dieser innigen Gemeinschaft mit seinem allmächtigen Beschützer inmitten der
düsteren Völker, unter denen er wohnen mußte, er war ein abgesonderter und
beschnittener Pilger; und so ist es mit den Seinen heute, die der Herr in noch
reicherer Gnade behandelt; denn was hielt Er zurück? In einem anderen Sinn ist
es unser Stolz, Seine Knechte zu sein, wie einer sagte, der im besonderen Maße
für das Evangelium Gottes abgesondert war. Aber nichtsdestoweniger - in
Wirklichkeit noch viel mehr - dringen wir in die freie Vereinigung Seiner Liebe
ein und achten sie und wirken mit ihr, wenn wir der Gewohnheit nach gehorsam
sind, wie wir es zu alten Zeiten bei Josef sehen oder später bei Daniel. Es
sollte das gehegte Vorrecht der Kirche sein - und es ist es grundsätzlich auch
-, so Seine Absicht zu erkennen und damit die verwirrten Fäden des menschlichen
Lebens oder sogar das wandelnde Schicksal der Welt zu deuten; aber wir müssen
praktisch geübt werden und müssen im Gehorsam ständig stehen, wenn das Vorrecht
eine lebendige Wirklichkeit sein soll und nicht ein bloßer Name. Die
Christenheit hat es aufgegeben. Sie hält es für nichts als Anmaßung und ist
damit zufrieden, nach dem Schauen zu wandeln und nicht nach dem Glauben, in
Ableugnung ihres Vorrechtes.
Aber Gott ist, treu, und da sind die, die im Gehorsam
Seinem Wort gegenüber wandeln und die in das eindringen, was Er kundgetan hat
und den Segen finden. Ohne Zweifel ist die Verantwortung nicht weniger groß als
das Vorrecht; und deshalb haben es die Seinen nötig, von der Gnade ermutigt zu
werden, die allem zugrunde liegt. Deshalb fügt Er hinzu: "Ihr habt nicht mich
auserwählt, sondern ich habe euch auserwählt und euch gesetzt, auf daß ihr
hingehet und Frucht bringet, und eure Frucht bleibe, auf daß, was irgend ihr den
Vater bitten werdet in meinem Namen, er euch gebe".
Segen kommt immer von dem Herrn Jesus und von der Gnade,
die in Ihm ist. Der Gehorsam folgt solcher unverdienten Gunst und sollte ihr
folgen, so wie im Gehorsam sicherlich auch neuer Segen liegt. Aber das Herz muß
sich von unserem Gehorsam oder seinem Segen abwenden zu dem Segnenden hin, wenn
es neuen Gefahren und wirklichem Übel entgehen will; die Quelle der Kraft wird
nirgendwo erkannt außer in Ihm, und die Gnade, die suchte und fand, rettet und
segnet. Deshalb war es, als Er Sich um die göttliche Leitung der Heiligen
bemühte, von größter Bedeutung, daß sie sich immer an Ihn und an Seinen souveränen Willen als die Quelle alles dessen, was sie
auszeichnete, erinnern sollten. Nicht sie haben Christus auserwählt, sondern Er
hat sie auserwählt. Auch ging es nicht nur darum, ihren Meister zu erkennen und
Ihm zu folgen. Er ernannte sie oder setzte sie ein, um auszugehen und Frucht zu
bringen, und ihre Frucht sollte bleiben. Wenn sie auch Apostel waren, so waren
sie doch Seine Freunde, um Ihm noch umso mehr zu gehorchen.
Während so die Verantwortung aufrecht erhalten wird, wird
gezeigt, daß die Gnade die Quelle von allem ist, auf das gewartet wird und das
erfüllt wird; und weiterhin wird die Verbindung von beidem mit der Abhängigkeit
von dem Vater gezeigt, Der allein zu einem erfolgreichen Ausgang führt, was
immer sie im Namen Jesu gebeten haben mögen. Je tiefer und höher der Segen ist,
umso notwendiger ist das Gebet; aber dann sollte sich der Charakter und die
Zuversicht des Gebetes erheben mit dem Bewußtsein von der Gnade in Christus und
von dem unwandelbaren Ratschluß des Vaters, Seinen Namen zu ehren, in dem sie
sich mit ihren Bitten nahten. Sein Name mit dem Glauben daran kann den
Schwächsten stark machen, und der Vater wird so in dem Sohn verherrlicht, Der
Ihn verherrlicht. Mißtrauen oder Nachlässigkeit wird gleichermaßen
ausgeschlossen.
Es ist kaum nötig, viel zu sagen, um Calvins Auslegung zu
widerlegen und ebenso die anderer, die dies zu einer Frage des Erwählens und
Einsetzens zum Apostelamt machen und folglich annehmen, daß die bleibende Frucht
bedeute, daß die Kirche bis zum Ende der Welt als die Frucht der apostolischen
Arbeit, die in ihren Nachfolgern fortgesetzt wird, bleibt. Die gebotene Liebe
wird dementsprechend auf gegenseitige Liebe unter den Geistlichen beschränkt.
Ohne Zweifel ist ein freier und unargwöhnischer Strom liebenden Vertrauens für
einen guten Zustand wesentlich, besonders unter denen, die arbeiten, so wie der
Mangel daran hier höchst bedauerlich ist; aber der Herr begrenzt Seine Worte
nicht auf die Apostel oder sogar auf solche, die ihnen in ihrem öffentlichen
Dienst an Seinem Namen folgen.
Einander zu lieben, ist das neue und wiederholte Gebot
Christi für die Seinen. Zu lieben ist die positive und eigentliche und ständige
Übung der neuen Natur, wie sie durch die Hilfe des Geistes Christi gewirkt wird,
und zwar nicht immer brüderliche Freundlichkeit in der Ausübung, sondern nie
versagende Liebe. Aber gerade diese Liebe, die hier unten so seltsam erscheint,
läßt die, in denen sie sich findet, dem direkten Gegenanschlag Satans ausgesetzt
werden, der ein Mörder und Lügner von Anfang an ist. Da die Menschen wissen, daß
Selbstlosigkeit in der Liebe dem Willen Gottes entsprechend für die menschliche
Natur unmöglich ist, betrachten sie irgendeinen Anschein davon als bloße
Heuchelei, die bei einem Christen verachtet und verschmäht werden muß. Denn wie
könnte er anders sein als die anderen?
"Wenn die Welt euch haßt, so wisset, daß sie mich vor euch
gehaßt hat. Wenn ihr von der Welt wäret, würde die Welt das Ihrige
lieben; weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt
auserwählt habe, darum haßt euch die Welt. Gedenket des Wortes, das ich euch gesagt habe: Ein Knecht
ist nicht größer als sein Herr. Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch
euch verfolgen; wenn sie mein Wort gehalten haben, werden sie auch das eure
halten. Aber dies alles werden sie euch tun um meines Namens
willen, weil sie den nicht kennen, der mich gesandt hat." (Verse 18-21).
Christus zu gehören, ist genug, um die Rache der Welt zu
erregen. Es mögen Umstände nötig sein, um sie heraufzubeschwören, aber sie ist
da. Die Welt haßt die, die Sein sind und nicht mehr der Welt gehören. Aber der
Herr möchte, daß wir wissen, daß sie uns sicherlich nicht mehr haßt als sie Ihn
Selbst vor uns schon gehaßt hat. Ist es nicht süß und tröstend für uns, daß es
so ist, so schrecklich es auch an sich ist, daß man solche Überzeugung von der
Welt hat? Denn sie haßt uns Seinetwegen, nicht Ihn unseretwegen. Nicht unsere
Fehler sind deshalb der wahre Grund, sondern Seine Gnade und moralische
Hervorragenheit, Seine göttliche Natur und Herrlichkeit; es ist die Abneigung
und Feindschaft der Welt gegenüber dem, was von Gott ist, und gegenüber Ihm, Der
Gott ist. Die Welt haßt den Vater, der in dem Sohn offenbart ist; deshalb haßt
sie die Kinder, die des Vaters waren und dann dem Sohn gegeben wurden. Christus
wurde zuerst gehaßt, sie als nächstes und um Seinetwillen.
Nicht daß die Welt nicht in ihrer eigenen Weise die liebt,
die von ihr sind, in auffälligem Gegensatz zu der Gnade, die zu den Fremden und
Bösen und Verlorenen ausgeht, zu denen, die Unrecht getan haben und die uns
verächtlich behandelt haben. Aber die Gnade ist von allen Dingen der Welt am
meisten verdächtig, die die Natur in ihrem gefallenen Zustand lieben kann. Sogar
die Gerechtigkeit mit ihrer notwendigen Verdammung des Sünders ist nicht so
widerlich wie die Gnade, die sich über die Sünden, die sie verdammt, in Mitleid
gegenüber dem Sünder erheben kann, um ihn durch und in Christus zu retten; und
das, weil sie den Menschen als nichts behandelt und die ganze Ehre Gott gibt:
eine Schmach, die dem Fleische unerträglich ist, denn die Absicht des Fleisches
ist Feindschaft gegen Gott. Von daher kommt der Haß der Welt und ihrer
Verwerfung von Christus, Der Gott vollkommen offenbart hatte und Ihn vollkommen
verherrlichte in Seiner ganzen Natur und Seinen Wegen. Von daher kommt auch der
Haß der Welt uns gegenüber, die wir Christus bekennen, nicht nur, weil wir nicht
von der Welt sind, sondern weil wir aus ihr durch Christus herausgewählt sind,
was ihre äußerste Wertlosigkeit und ihre Verdammung voraussetzt. Göttliche Liebe
ist ebenso hassenswert wie göttliches Licht.
Der Herr ruft dann in ihr Gedächtnis Sein Wort zurück, daß
kein Knecht größer ist als sein Herr. Sie müssen vielmehr Seine Stellung
erwarten, Der verachtet und von den Menschen verworfen wurde. Sie selbst und
ihre Lehre würden gleicherweise um Seinetwillen hassenswert sein. Wenn sie Mich
verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen; wenn sie mein Wort gehalten haben, werden sie auch das eure halten. Seine Person
und Sein Wort brachten ihren Seelen Gott zu nahe, was Widerwillen hervorrief,
ihre Sünden anzuerkennen oder Schuldner zu sein, die nichts als Gnade zur
Vergebung und Befreiung hatten. Aber diese Abneigung nimmt noch eine stärkere
Form an, wo die Religion geehrt wird und Menschen einen Charakter zu verlieren
haben. Und da diese Dinge im höchsten Maße bei den Juden wahr waren, kamen sie
auch im höchsten Maße in Haß zum Ausdruck, der danach verlangte - als eine
Pflicht Gott gegenüber -. erst den Meister zu verfolgen und dann die Jünger. Und
hier warnte der Herr sie gnädig vorher, damit sie keine Sorge unversehens
befalle.
Aber Er tut noch mehr. Er gibt den Seinen den Trost, daß
sie in solchen Stunden, wenn diese auch, wie schon vorher, sehr bitter sein
könnten, erkennen, daß alle Verachtung und alles Leiden, das ihnen von der Welt
zugefügt wird, um Seinetwillen geschieht, wegen der Welt Unwissenheit von dem,
Der Ihn gesandt hat, der Unwissenheit von dem Vater. Wie unendlich wahr ist das!
Es ist unmöglich, daß eine bekennende Religion die Seinen verfolgen könnte, wenn
sie wirklich Ihn erkennen würde, Der Christus gesandt hat.
Es könnte entsprechend Seinem Wort Zucht geben; und sie muß
sein in dem, was den Namen des Herrn trägt: sonst würde die Gnade Selbst, wie
sie weiß, leicht bis unter den Stand der Welt sie herabziehen, wenn es nicht
wachsame, ständige und heilige Zucht gäbe. Aber Zucht ist niemals heilig,
sondern weltlich, wenn sie die Form von Verfolgung annimmt. Was kann man dann
denken, wenn die, die für sich den sanftesten Namen anmaßen, die weltliche
Macht zu Hilfe nehmen, um die Bestrafung von Menschen zum vorgegebenen Heil
ihrer Seelen zu verstärken? Was, wenn sie Mittel suchen und finden, um
kirchliche Tribunale einzusetzen mit Torturen bis zum bitteren Ende, in
passender Heimlichkeit und mit unbeugsamer Grausamkeit, die niemals sogar in
dieser dunklen Welt einen Platz hatte? Es war wirklich derselbe Geist weltlichen
Hasses, der zuerst die Juden gegen den Herrn und Seine Jünger aufstachelte und
später in der Weltkirche wirkte, als sie ihr heidnisches Gewand gegen das
päpstliche austauschte und die Taufe leichter angenommen wurde als die
Beschneidung. "Aber dies alles werden sie euch tun um meines Namens willen, weil
sie den nicht kennen, der mich gesandt hat".
Nein! Formen nützen nichts: Gott will Wirklichkeit haben,
und niemals klarer und zwingender als seit Christus und Seinem Kreuz, wo die
Eitelkeit des religiösen Menschen und eines weltlichen Heiligtums bewiesen
wurde. Das Christentum kam ins Sein und wurde offenbart, als es sich zeigte, daß
der Mensch in seinem besten Zustand nicht nur vor Gott wertlos war, sondern auch
Gott um keinen Preis haben wollte, sogar nicht in der Person und in dem Auftrag
Seines eigenen Sohnes, der in Gnade gekommen war. "Gerechter Vater! - und die
Welt hat dich nicht erkannt". Und doch gibt es für den Menschen kein ewiges
Leben außer in der Erkenntnis des einzig wahren Gottes, des Vaters, und Jesu
Christi, Den Er gesandt hat.
Die Welt ist verloren und nirgendwo offensichtlicher und
schuldiger verloren als dann, wenn sie in religiösem Stolz Christus haßt und die
haßt, die Sein sind.
Die Gegenwart und das Zeugnis des Sohnes Gottes hatten die
ernstesten Ergebnisse, die möglich waren. Es war nicht nur ein unendlicher Segen
in sich selbst und zur Ehre Gottes, sondern es ließ die Menschen und besonders
Israel verworfen zurück. Das Gesetz hatte die Schwachheit des Menschen und seine
Sünde bewiesen, da es alle die unter Fluch setzte, die sich auf den Boden des
gesetzlichen Grundsatzes stellten. Da war kein Gerechter, keiner, der Gott
suchte, keiner, der Gutes tat, nicht einer. Die Heiden waren offensichtlich
böse, und die Juden erwiesen sich als böse, und zwar durch das unbestreitbare
Urteil des Gesetzes. So wurde jeder Mund gestopft, und die ganze Welt wurde
Gottes Gericht unterworfen. Aber die Gegenwart Christi brachte nicht bloß das
Versagen zum Vorschein, den Verpflichtungen wie unter dem Gesetz nachzukommen,
sondern es erweckte auch den Haß gegenüber der göttlichen Güte, die in
vollkommener Gnade zu den Menschen herabgekommen war. Gott war in Christus, wie
der Apostel sagt, die Welt mit sich selbst versöhnend, ihnen ihre Übertretungen
nicht zurechnend. Wie unendlich ist der Wandel! Wie würdig war es Gottes, als Er
in Seinem Sohn als Mensch unter Menschen offenbart wurde! Aber sie konnten Seine
Worte und Seine Werke nicht ertragen, und zwar in steigendem Maße, bis das Kreuz
bewies, daß es die absolute Verwerfung der Liebe Gottes ohne Grenzen war, Es ist
hier nicht der richtige Ort oder Augenblick, wie bei dem Apostel Paulus, um zu
zeigen, wie die göttliche Liebe sich in vollkommenem Sieg über das Böse des
Menschen und seinen Haß erhob, wie es sich im Dienst der Versöhnung zeigt, die
am Kreuz gefunden wird. Hier zeigt der Herr die ernste Stellung und den Zustand
der Welt in ihrer Feindschaft gegenüber den Jüngern, nachdem Er sie auf die
Verfolgung vorbereitet hat: aufgrund dessen, daß sie sie haßte, wie sie Ihn
gehaßt hatte, und daß sie Den nicht kannte, Der ihren Meister gesandt hatte.
"Wenn ich nicht gekommen wäre und zu ihnen geredet hätte,
so hätten sie keine Sünde; jetzt aber haben sie keinen Vorwand für ihre Sünde.
Wer mich haßt, haßt auch meinen Vater." (Verse 22 u. 23).
Alle vorherige oder andere Sünde wurde von dieser
überragenden Sünde in den Schatten gestellt, daß der Sohn verworfen wurde, Der
in Liebe kam und Der nicht bloß redete, wie kein Mensch jemals redete, sondern
wie Gott niemals redete; denn durch wen sollte Er reden, wie Er in dem Sohn es
tun konnte? Es war passend, daß Er, Der das Bild des unsichtbaren Gottes war,
der Eingeborene in dem Schoße des Vaters, über alle erhaben reden sollte, wie Er
auch über alle erhaben war, Gott gepriesen in Ewigkeit. Knechte waren ausgesandt
worden, Propheten hatten geredet; und ihre Botschaften hatten göttliche
Autorität; aber sie waren nur Teilbotschaften. Das Gesetz hatte nichts
vollkommen gemacht. Jetzt hat Er, Der so ehemals geredet hatte "vielfältig und
auf vielerlei Weise", zu uns geredet "im Sohne". Er war ihr Messias, der Sohn Davids, Der geboren wurde, wo und wann sie es
erwarteten, Der nicht nur durch Zeichen und Beweise der Weissagung bezeugt
wurde, sondern auch durch die Kräfte der zukünftigen Welt; aber Er war mehr,
unendlich mehr, Er war der Sohn Gottes, unnahbar in Seiner eigenen Herrlichkeit
und doch hier auf Erden als der am meisten Zugängliche der Menschen, Der die
Worte des Vaters redete wie niemals jemand gesprochen hatte, seitdem die Welt
begann. Es hatte niemals auf Erden ein so angemessenes Ziel gegeben, um solche
Mitteilungen anzulocken; jetzt war in Ihm Würde der Person, Innigkeit der
Gemeinschaft und moralische Vollkommenheit als Mensch. Und die Jünger ernteten
den Segen; wie die Juden, die Welt, die Ihn vor ihren Augen und Ohren hatte, die
Verantwortung hatte. Bei allen anderen, die für und von Gott geredet hatten
(wenn auch nicht in der inspirierten Schrift), hatte es Versagen und Fehler
gegeben, was die Wirkung ihres Zeugnisses abschwächte, wo Menschen an Menschen
dachten und Gott vergaßen, Der sie gesandt hatte.
Aber jetzt hatte der Vater den Sohn gesandt, Der gekommen
war und nicht im Gesetz, sondern in Liebe geredet hatte, als das wahrhaftige
Licht, das in einer Welt der Finsternis leuchtete, die das Licht nicht erkannt
hatte und wo die Sünde deutlich wurde, wie nie je zuvor. Was für ein Vorwand
konnte jetzt angebracht werden? Es ging nicht um den Menschen oder seine
Schwachheit; seine Pflicht wurde nicht gefordert, wie sie durch die Zehn Gebote
gemessen wurde oder durch irgendwelche Statute oder Festsetzungen. Dem Sohn, Dem
Fleisch gewordenen Wort, das unter den Menschen weilte, voller Gnade und
Wahrheit, in göttlicher Liebe, die sich über jeden Fehler und jedes Böse erhob,
um für ewig zu geben, was von Gott ist, wurde nur durch steigenden Haß begegnet,
bis es nicht mehr weiter ging. Ihre Unwissenheit hinsichtlich Dem, Der Christus
sandte, war ohne Zweifel die Ursache ihres Hasses Ihm gegenüber. Aber sie war
unverzeihlich. Denn Er war Gott ebenso wie der Sohn des Vaters, und so war Er
vollkommen in der Lage, die Wahrheit darzustellen und den Menschen durch und
durch und offensichtlich schuldig zu machen, wenn er sich nicht beugte. Was
bewies ihr Nicht-beugen anderes als Sünde? Und es gab keine Entschuldigung
dafür, und man haßte auch den Vater, indem man den Sohn haßte.
Und es gab diese weitere Erschwerung ihrer Sünde, nämlich
die Werke, die Er gewirkt hatte. Denn einige Menschen werden machtvoll ergriffen
durch passende Worte, während andere noch tiefer ergriffen werden durch Werke,
die nicht allein Macht zeigen, sondern auch Güte, Heiligkeit und Liebe. Hier
hatten sie in vollkommener Harmonie und gegenseitiger Bestätigung solche Worte
und Werke, wie es sie niemals gab außer bei Jesus, dem Sohn Gottes. Aber was war
die Wirkung?
"Wenn ich nicht die Werke unter ihnen getan hätte, die kein
anderer getan hat, so hätten sie keine Sünde; jetzt aber haben sie gesehen und
gehaßt sowohl mich als auch meinen Vater. Aber auf daß das Wort erfüllt würde,
das in ihrem Gesetz geschrieben steht: "Sie haben mich ohne Ursache gehaßt"."
(Verse 24-25)
So war die Undankbarkeit des Menschen in Gegenwart der
göttlichen Gnade. Volle Offenbarung der Gnade kann niemals einen anderen Ausgang
haben. Das Wesen des Fleisches ist Feindschaft gegen Gott. Nicht nur fehlt da
die Unterwerfung gegenüber Seinem Gesetz, sondern Seine Liebe wird gehaßt. Und
dies wurde jetzt erwiesen. Das Zeugnis war vollständig; und der Eine, Der die
Summe und das Wesen ist, die Substanz und das Ziel jeden göttlichen Zeugnisses,
war da; und sie hatten Ihn gesehen sowohl als auch den Vater in Ihm; und sie
hatten beide gehaßt! Sie, das Volk Gottes, von einst, hatten nichts als Sünde -
sie waren verloren. So waren sie es damals, und so bleiben sie es noch, was auch
immer die Gnade eines Tages bewirken kann, um das zukünftige Geschlecht zu
erretten. Aber Haß gegen den Vater und gegen den Sohn ist in sich selbst nicht
wieder gutzumachen, ist vollständig und endgültig.
Auch redete das Gesetz, dessen sie sich rühmten bei der
Verwerfung ihres Messias, etwas anderes; im Gegenteil, es wurde in dem Wort
erfüllt, das dort von Ihm geschrieben war und das lange über Ihm schwebte und
das jetzt von Seinen eigenen Lippen auf Seine eigene Person angewandt wurde:
"Sie haben mich ohne Ursache gehaßt". Wie wahr und wie ernst! "0, Jerusalem,
Jerusalem!" 0, Israel, was hast du nicht in dem verworfenen Messias verloren, du
hast den Vater und den Sohn gleichermaßen gesehen und gehaßt?! Und was haben wir
nicht gewonnen, die wir einst arme Sünder aus den Heiden waren? Ewiges Leben in
der Erkenntnis eines Gottes, Der nicht mehr in undurchdringlicher Finsternis
wohnt, sondern voll in Christus offenbart ist und in der äußersten Nähe zu den
Gläubigen, Der Sein Vater und unser Vater, Sein Gott und unser Gott ist. Es ist
wahr, daß der Fall Israels der Welt das Heil gebracht hat, und ihr Verlust hat
das wahre Wohl der Nationen bewirkt. Aber die so gesegneten Nationen rühmen sich
dessen und sind hochmütig und werden nicht mehr geschont als die Juden, die
nicht mehr im Unglauben verharren werden, sondern wiederum eingepfropft werden
werden, und so wird ganz Israel errettet werden. In der Zwischenzeit haben sie
zu ihrem eigenen Verderben ihren Messias verloren, und ihre Sünde kann nicht
verborgen sein.
So hatte der Herr die Seinen auf den Haß der Welt
vorbereitet, nicht nur weil Er ihn vor ihnen kennengelernt hatte, sondern weil
er Ihn mit einer beispiellosen Intensität und Grundlosigkeit befallen hatte. Da
sogar ihr Gesetz sie vorher davor gewarnt hatte, waren sie nicht zu
entschuldigen. Aber nichts ist so blind wie Unglaube, und nichts ist so grausam
wie sein Wille, der durch das Licht Gottes irritiert wird, das ihn als Sünde
behandelt, und zwar als Sünde, die Gott in Seiner souveränen Gnade als den Vater
und den Sohn ablehnt. Denn sie, die zu Jerusalem wohnten und ihre Führer, wie
Paulus anderswo sagen konnte, haben, weil sie Ihn nicht erkannten und auch nicht
die Stimmen der Propheten, die sie jeden Sabbath lasen, erfaßten, dieselben
erfüllt, indem sie sich selbst verdammten. Deshalb kam der größte Zorn über sie.
Es könnte dann so scheinen, als müsse alles von der
mörderischen Rache des Menschen und besonders des religiösen Menschen
hinweggefegt werden. Aber das ist nicht der Fall. Es ist nicht so, daß der Herr
nicht sterben und nicht leiden sollte; und auch sollten Seine schwachen
Nachfolger nicht dem Schicksal ihres Meisters entgehen, soweit es Gott gefiel,
sie dasselbe schmecken zu lassen. Aber Er war im Begriff, die Welt zu verlassen,
um in die Herrlichkeit droben zu gehen und den Heiligen Geist von dort
herabzusenden als ein neues, göttliches und himmlisches Zeugnis hier unten.
"Wenn aber der Sachwalter gekommen ist, den ich euch von
dem Vater senden werde, der Geist der Wahrheit, der von dem Vater ausgeht, so
wird er von mir zeugen. Aber auch ihr zeuget, weil ihr von Anfang an bei mir
seid." (Verse 26 u. 27)
Hier wird der Heilige Geist als durch den gen Himmel
aufgefahrener Christus vom Vater herabgesandt betrachtet und folglich als
Zeugnis Seiner himmlischen Herrlichkeit. Dies ist gegenüber dem, was wir im
vorhergehenden Kapitel sahen, ein weiterer Schritt, wo Christus bittet und der
Vater den Sachwalter sendet, daß Er bei ihnen sei in Ewigkeit und wo Er Ihn im
Namen des Sohnes sendet. Hier sendet der Sohn Selbst Ihn, wenn natürlich auch
von dem Vater her. Der Geist der Wahrheit ist also der passende Zeuge Christi,
während Er droben ist; und auch die Jünger zeugen als Seine Begleiter und so von
Anfang an Auserwählte, Zum ersten Mal wird gesagt: "Wenn aber der Sachwalter
gekommen ist", und nicht bloß, daß Er gegeben wird oder gesandt wird. Er ist
eine göttliche Person im vollsten Sinne, und Er soll nicht nur bleiben, lehren
und wieder ins Gedächtnis zurückrufen, sondern auch Zeugnis ablegen hinsichtlich
Christus, und zwar von dem, was die auserwählten Begleiter, die Apostel des
Herrn, nicht bezeugen konnten. Denn sie als solche konnten nicht über das
hinausgehen, was sie gesehen und gehört hatten, und mußten sich in jedem Fall
auf das beschränken, was innerhalb des Bereiches ihres Zusammenseins mit Ihm von
Anfang an fiel. Der Geist der Wahrheit, der von dem Vater ausgeht, wollte nicht
bloß sie stärken, damit sie diese Aufgabe vollkommen erledigen konnten, sondern
Er sollte auch noch ein ganz anderes Zeugnis von bislang unbekanntem Segen
hinzufügen, als der durch Christus persönlich von dem Vater Gesandte.
So ist die Stellung der Jünger, die fortan zur rechten Zeit
Christen genannt werden sollten, definiert: sie waren nicht von der Welt,
sondern durch Christus aus ihr herausgewählt, mit dem Auftrag einander zu
lieben, wie sie von Christus geliebt waren, und sie waren gehaßt von der Welt
und hatten den Sachwalter, den Geist der Wahrheit, Den Christus ihnen sandte, um
von Ihm zu zeugen, von Dem auch sie zeugten, da sie von Anfang an bei Ihm
gewesen waren. Wer ist so kompetent dafür, Christi Herrlichkeit bei dem Vater zu
verkündigen, wie der Geist, Der von dem Vater ausgeht und Der von dem erhöhten
Christus ausgesandt ist? So wurde das volle Zeugnis für Seine Herrlichkeit
gesichert: für Seine Herrlichkeit moralisch auf Erden legten die Jünger Zeugnis
ab (wenn auch nicht ohne die schon zugesicherte Kraft des Geistes), und für
Seine Herrlichkeit im Himmel als der verherrlichte Mensch zeugte der
Eine, Der dieses Zeugnis in jeder Weise am besten geben konnte.
Es ist offensichtlich, daß die, die persönlich dem Herrn
folgten, einen besonderen Platz in dem Zeugnis von Seiner Offenbarung auf Erden
einnahmen; und dieses Zeugnis haben wir in den Evangelien so klar, wie Gott es
für geeignet hielt, es bleibend für alle Heiligen aufzubewahren. So wurde das
Zeugnis des Heiligen Geistes für Seine himmlische Herrlichkeit in erster Linie
in den inspirierten Briefen des Paulus zum gleichen bleibenden Gebrauch
dargestellt, wenn es auch ohne Zweifel in keiner Weise auf ihn oder auf sie
begrenzt blieb.
Und sicherlich bleibt im Prinzip der Platz des Zeugnisses
für die, die Christus angehören, wie auch immer die Umstände wechseln mögen und
ach! auch der Zustand. So sicher wie Christus in der Höhe bleibt und der Heilige
Geist herabgekommen ist, um uns nie zu verlassen, ist es nicht nur so, daß wir
durch den Glauben die Verbindung des Sohnes mit dem Vater und unseretwegen
aufgrund dieser Tatsache und die Gemeinschaft in Ihm erkennen, Der in dem Vater
ist, wie Er in uns, sondern daß wir auch das ganze Wohl aus Seinem Platz als der
wahre Weinstock auf Erden haben, da wir wissen, daß Er in die Höhe
hinaufgefahren ist als der erhöhte Mensch, was etwas ganz Neues ist. Und so wie
wir die Freude an Seiner Verbindung mit dem Vater und mit uns haben, so sind wir
aufgerufen, für Ihn in jeder Weise zu zeugen. Ein wunderbarer Trost in unserer
Schwachheit! Er, der Geist der Wahrheit, sollte von Jesus zeugen, und besonders
von Jesus, wo keiner bei Ihm sein konnte und keiner außerdem Sachwalter Selbst
zuständig war. Es war nicht nötig, hier oder später zu wiederholen, daß Er
bleibt: dies war am Anfang gesagt worden im Zusammenhang mit uns (Kap. 14), wo
Seine garantierte Gegenwart bei uns in sehr gnädiger Weise erklärt wird, damit
wir uns wirklich hier nicht als Waisen fühlen. Aber wenn wir das trostvolle
Pfand Seines Seins bei uns in Ewigkeit haben, so soll das ohne Zweifel nicht weniger, sondern mehr dem
Zeugnis von der Herrlichkeit Christi dienen als unserem Trost. Hiervon werden
wir jedoch in dem folgenden noch mehr hören, wo der Herr das Thema sehr
eingehend wieder aufgreift.
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