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Leitvers: 1. Petrus 2,24
Wir wollen uns heute mit einem Bibelwort beschäftigen, das selbst zuverlässige
Bibelübersetzungen unrichtig wiedergeben. Dabei handelt es sich um einen Vers
des Neuen Testaments, der die Person und das Werk Christi unmittelbar berührt.
Wird er falsch übersetzt, so hat das für unser Verstehen oder Nichtverstehen des
Heilsplans Gottes weitreichende Folgen. Zudem ist dieser Vers ein Beispiel
dafür, wie ein einziges griechisches Wort des Grundtextes, wie eine einzige
griechische Zeitform ganze Gebäude irriger theologischer Anschauungen und
Meinungen in nichts zusammenfallen lässt. In der uns vorliegenden Elberfelder
Übersetzung lautet dieses Schriftwort wie folgt:
1Pet 2,24: … der selbst unsere Sünden an seinem Leib auf dem Holz getragen
hat.
Die entscheidende Frage nun ist, was der griechische Text an dieser Stelle
ausdrückt: Hat Christus unsere Sünden auf dem Holz getragen oder auf das Holz?
Der Unterschied mag auf den ersten Blick gering erscheinen, ist jedoch alles
andere als das.
Die Befürworter der Wiedergabe „auf das Holz“ führen zur Begründung
hauptsächlich zwei Argumente ins Feld: Das griechische Wort anaphéro bedeute
„hinauftragen“, und die Präposition (Verhältniswort) epi mit nachfolgendem
Akkusativ (Wen-Fall) gebe eine Richtung (Wohin?) an und bedeute „auf das“
(Holz). Diese Bedeutung liege schließlich auch im nachfolgenden Vers vor, wo uns
dieselbe Konstruktion von epi mit nachfolgendem Akkusativ begegnet: „… aber
ihr seid jetzt zurückgekehrt zu dem (Wohin? nicht: Wo?) Hirten und Aufseher
eurer Seelen“ (V. 25). Folgerichtig müsse auch der Vers vorher mit „auf das
Holz“ (Wohin? nicht: Wo?) wiedergegeben werden.
Dieser Übersetzung folgend deuten manche Ausleger unser Schriftwort so, dass
Christus zeit Seines Lebens die Sünden getragen habe. Ja, einige versteigen sich
sogar zu der Behauptung, Er habe es schon als Kind in der Krippe getan geradeso
wie am Kreuz, wohin Er die Sünden schließlich trug. Andere meinen allerdings,
das Tragen der Sünden sei erst seit Seiner Taufe im Jordan erfolgt. Wieder
andere verstehen dieses Wort allgemeiner: Jesus habe „auf Seinem Weg nach
Golgatha“ unsere Sünden getragen.
Aber ist das alles wirklich so? Sind diese Auslegungen mit der übrigen Heiligen
Schrift in Übereinstimmung? Alles andere als das! Wenn der Herr Jesus während
Seines ganzen Lebens oder Dienstes unsere Sünden getragen hat, um sie auf das
Kreuz zu bringen, wie konnte Er dann zugleich Gemeinschaft mit Seinem Vater
haben und Sich Seiner Liebe erfreuen (Joh 16,32)? Wie konnte Gott, der Vater,
Sein Wohlgefallen an Seinem Sohn ausdrücken und Ihm Ehre und Herrlichkeit geben
(Mt 3,17; 17,5; 2Pet 1,17-18), wenn unsere Sünden auf Ihm lagen — Sünden, die
Gott richten musste? Unmöglich! Wenn der Herr Jesus schon in Seinem Leben unsere
Sünden auf Sich gehabt hätte, dann hätte Er auch schon in Seinem Leben von Gott
verlassen sein müssen, nicht erst am Kreuz!
Was nun die Argumente selbst angeht: Sie halten einer genauen Prüfung nicht
stand. Das griechische Verb (Tätigkeitswort) anaphéro bedeutet keineswegs nur
„hinauf-tragen“. Entsprechend dem textlichen Zusammenhang bedeutet es auch
„sich
aufbürden“, „(Opfer) darbringen“. Die letzte Bedeutung liegt in Hebräer 7,27 vor, wo das Verb zweimal vorkommt:
„… für die eigenen Sünden Schlachtopfer darzubringen“; „… als er sich selbst geopfert
hat.“ In Kapitel 9 desselben Briefes
begegnet uns das Wort noch einmal, hier in der Bedeutung von „tragen, sich
aufbürden“, „um die Sünden vieler zu tragen“ (V. 28). All diese Stellen
beziehen sich nicht auf das sündlose, Gott geweihte Leben des Herrn, sondern auf
Seinen Tod — den Sühnungstod am Kreuz. Das gilt auch für unser Bibelwort von
1. Petrus 2. Dort am Kreuz hat Christus die Sünden der Seinen getragen, dort ist
Er für sie von Gott gerichtet worden. Durch diese „Striemen“ sind wir „heil
geworden“ (V. 24) fügt der Apostel hinzu.
Darüber hinaus ist anaphéro mit epi und nachfolgendem Akkusativ geradezu ein
Terminus technicus, ein Fachausdruck also, mit dem in der Bibel das Darbringen
von Opfern auf einem Altar beschrieben wird. Das erste Mal kommt dieser Ausdruck
in der Septuaginta, der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, in 1.
Mose
8 vor: „Und Noah … opferte Brandopfer auf dem Altar“ (V. 20). Viele weitere
Vorkommen des Ausdrucks könnten zitiert werden; ich gebe hier nur einige wenige
an: 3. Mose 3,5.11.16; 4,10.19.26.31; 14,20; Jakobus 2,21. Stets geht es um das Opfern
(Darbringen) oder Räuchern eines Opfers auf dem Altar. Genau derselbe Ausdruck
mit genau derselben Bedeutung liegt auch in 1. Petrus 2 vor. Petrus vergleicht
hier Christus mit einem Sündopfer auf dem Altar, sieht Ihn, wie Er auf dem Kreuz
unsere Sünden auf Sich nahm — in der Tat ein bewegender, ernster Gedanke! „…
der selbst unsere Sünden an seinem Leib auf dem Holz getragen hat“ (V. 24).
Das ist die einzig richtige Übersetzung dieser Stelle.
Werfen wir abschließend noch einen Blick auf die Zeitformen, die der Heilige
Geist in den Versen 23 und 24 benutzt. In Vers 23, der einige der „Fußstapfen“
des Herrn Jesus beschreibt, wird dreimal das Imperfekt gebraucht — eine
Zeitform, die eine Wiederholung des Vorgangs (bei den verschiedenen
Gelegenheiten) andeutet: Er schalt nicht wieder — Er drohte nicht — Er übergab
sich Dem, der gerecht richtet. Wenn nun der direkt anschließende Vers 24
tatsächlich von dem Tragen der Sünden als einem laufenden Vorgang reden würde,
der sich auf das ganze Leben Christi oder auf Teile davon erstreckte, dann
müsste zwingend auch hier das Imperfekt stehen. Doch das gerade ist nicht der
Fall. Der Schreiber benutzt jetzt vielmehr den sogenannten historischen Aorist,
der — wie hier — gebraucht wird, um die einmaligen Tatsachen des Handelns Gottes
zum Heil der Menschen zu bezeichnen.
So fallen die Hypothesen (unbewiesene Annahmen) der Menschen oft schon durch ein
einziges Wort der Heiligen Schrift in nichts zusammen. Lasst uns daher Gott und
Seinem Wort vertrauen! Und dieses Wort sagt uns, dass Christus unsere Sünden an
Seinem Leib auf dem Holz getragen hat, ein für alle Mal. Dafür sei ewig Sein
Name gepriesen von all denen, die Seinem Werk am Kreuz jede Segnung verdanken —
ihre Errettung, ihr Glück, ihre ewige Sicherheit!
Mit freundlicher Genehmigung des CSV,
Hückeswagen,
aus der Monatsschrift „Ermunterung & Ermahnung“, 8/2001
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