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Leitverse: 1. Johannes 3,8
1Joh 3,8: Wer die Sünde tut, ist aus dem Teufel,
denn der Teufel sündigt von Anfang an. Hierzu ist der Sohn Gottes offenbart
worden, damit er die Werke des Teufels vernichte.
Wir wollen die Betrachtung unseres überaus ernsten Gegenstandes mit einem
erfreulicheren Ausblick beschließen. "Hierzu ist der Sohn Gottes offenbart
worden, auf dass er die Werke des Teufels vernichte" (1Joh 3,8). Wie wir
gesehen haben, werden die Werke des Teufels nicht nur an einzelnen, besonders
tief gefallenen Menschen sichtbar, sondern sie haben das ganze
Menschengeschlecht in Mitleidenschaft gezogen. Wo immer ein menschliches Herz
fern von Gott ist, ob im Palast oder in der Gosse, ob im Richterkollegium oder
auf der Anklagebank, da zeigen sich die Werke des Teufels. Doch der Sohn Gottes
ist offenbart worden, um die Werke des Teufels zu vernichten oder aufzulösen. In
jedem Herzen, das den Sohn Gottes in Wahrheit erblickt, werden die Werke des
Teufels für immer zunichte gemacht. Glaubst du das, mein Leser?
Doch wo hat sich der Sohn Gottes offenbart? Lasst uns zunächst die Höhen des
Himmels durchforschen; lasst uns nach Ihm suchen unter den geistlichen
Fürstentümern und Engelmächten. Der Sohn Gottes ist dort nicht zu finden;
"Er
hat sich fürwahr nicht der Engel angenommen" (Heb 2). Begeben wir uns auf die
Erde und durchsuchen die irdischen Paläste, die allein einigermaßen Seiner hohen
Würde entsprechen könnten. Wir blicken in die marmornen Hallen und
goldgetäfelten Gemächer des kaiserlichen Palastes, angefüllt mit all dem
Reichtum dieser Welt. Der Sohn Gottes ist dort nicht auszumachen, vielmehr weist
alles auf die Gegenwart des Feindes hin. Auch in den Häusern der Reichen und
Edlen dieser Welt suchen wir Ihn vergebens. Wir steigen bis zu den Hütten der
Armen hinab, denn Er hat Sich ja den Menschen offenbart und muss daher irgendwo
zu finden sein; doch auch dort ist Er nicht.
Zuletzt gehen wir zu jener Herberge, die mit Durchreisenden überfüllt ist,
und wenden uns sogleich dem bescheidensten ihrer Gebäude zu. Im Stall hören wir
das Stampfen der Tiere vor den Futterkrippen. Der strenge Stallgeruch lässt uns
zurückschrecken: Hier kann Er doch gewiss nicht sein! Wir blicken in eine der
Krippen hinein: Da liegt das neugeborene Kindlein in aller Niedrigkeit! Viele
unfehlbare Beweise bezeugen uns, dass dies der Sohn Gottes ist. Wir haben Ihn
nun doch noch gefunden! Unsere Augen betrachten "Gott offenbart im Fleisch!"
Sein Anblick müsste genügen, den Umherirrenden zur Selbstverurteilung und zur
Buße zu bringen und die Bande Satans zu sprengen, die sein Herz gefangen halten.
Doch verfolgen wir den mühevollen Weg des Herrn über diese Erde noch ein
wenig weiter. Aus gottgeweihter Kindheit tritt Er in ein gottgeweihtes
Mannesalter. Dort am Jordanufer sehen wir Ihn inmitten einer bußfertigen Menge
stehen, die sich taufen lässt, indem sie ihre Sünden bekennt. Johannes erkennt
Ihn sofort als den Sohn Gottes und sagt in Demut: "Ich habe nötig, von dir
getauft zu werden, und du kommst zu mir?" Doch Jesus antwortet: "Lass es jetzt
so sein; denn also gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen" (Mt 3,14-15). Dann steigt Er im Bilde hinab in den Tod für die Sünder, unter denen Er
Seinen Platz eingenommen hat. Bei diesem Anblick werden die Himmel aufgerissen,
um der großen göttlichen Freude und Anerkennung Ausdruck zu geben. Gottes Stimme
erschallt, Er bekennt sich zu diesem Menschen als zu Seinem geliebten Sohn, an
welchem Er Wohlgefallen gefunden hat. Nun steht es unumstößlich fest: Wir haben
den Sohn Gottes gefunden.
Sein weiterer Weg verläuft so deutlich und klar wie ein heller Lichtstrahl
inmitten der umgebenden Finsternis. Wohin Er kommt, müssen Krankheit, Trauer und
Tod fliehen. Der Teufel hat lange genug seinen Willen auf dieser Erde
ausgeführt; Sünde, Unglück und Elend sind die Begleiterscheinungen seiner
Herrschaft. Wo der Herr Jesus hinkommt, da finden wir Gottes Weg und Willen,
denn Er geht "umher, Gutes tuend und heilend alle, die von dem Teufel
überwältigt" waren. Wenn wir sehen, wie Lahme wandeln, Blinde sehen, Aussätzige
gereinigt werden, und wenn wir die Worte hören, die keiner als Gott Selbst zu
dem gebeugten Sünder sprechen kann: "Deine Sünden sind dir vergeben!", so können
wir absolut sicher sein, den Sohn Gottes endlich gefunden zu haben.
Wenn solch ein Gott geweihtes Leben seinen Abschluss findet, wie muss dieses
Ende dann aussehen? Er müsste doch, wie einst ein Henoch, von diesem unreinen
Schauplatz hinweg entrückt werden, um in Seine Herrlichkeit zurückzukehren. Aber
nein. Vielleicht werden feurige Wagen und Rosse Ihm das Geleit zum Himmel geben,
wie einst bei einem Elia? Doch nichts Derartiges geschieht. Dann wird Er aber
doch wenigstens das friedvolle Ende des "Unsträflichen" und des "Aufrichtigen"
(Ps
37,37) erleben? Nein, nicht einmal das. Etwas Unfassbares tritt ein, vor dem
alle anderen Wunder verblassen.
Drei Schandpfähle werden außerhalb der Heiligen Stadt auf einem Hügel
aufgerichtet. An ihnen hängen drei Männer, alle angeblich Übertreter des
Gesetzes. Du fragst nach dem Namen dessen zur Linken? Ich weiß ihn nicht. Und
wer ist der zur Rechten Gehenkte? Auch ihn kenne ich nicht. Ich weiß nur, dass
beide "mit Recht" gerichtet werden, denn sie "empfangen, was ihre Taten wert
sind". Doch fragst du nach Demjenigen, der in der Mitte gekreuzigt ist, so kann
ich dir die Antwort geben. Kannst du es begreifen? Es ist der Sohn Gottes, Sein
eingeborener Sohn, Seine Wonne, Sein Isaak, den Er liebt. Wie ist es möglich,
dass wir den Sohn Gottes in solcher Schmach wieder finden, hinausgestoßen aus
der Welt und unter einem verschlossenen Himmel? Hohe und Niedrige, Reiche und
Arme, Fromme und Weltliche vereinigen sich, um ihren Hohn und Spott über Ihn
auszuschütten. Kann das wirklich der Sohn Gottes sein?
Die Bosheit des Menschen, besonders in religiöser Hinsicht, die Hinterlist
und Wut des Teufels und die Ratschlüsse Gottes wirken hier ausnahmsweise
zusammen, wenn auch zu ganz verschiedenem Zweck und Ziel.
Gegen zwölf Uhr flaut der Sturm der Beschimpfungen ab. Am wolkenlosen Himmel
hört die Sonne plötzlich auf zu scheinen. Dichte Finsternis bedeckt die Erde.
Der Lärm menschlicher Stimmen verstummt, es tritt völlige Stille ein. Was
geschieht? Ach, ein anderer Sturm fegt mit seinen Wogen und Wellen über jenes
heilige Haupt dahin. Endlich, nach drei Stunden, durchbricht ein Schrei das
Schweigen und die Finsternis: "Eli, Eli, lama sabachthani?" Doch der Himmel
bleibt jetzt verschlossen. Bedenke es, Sünder, aber auch du, lieber Bruder,
liebe Schwester, im Glauben: An jenem Kreuz, allein und verlassen, wird der Sohn
Gottes offenbart! Dort trägt Er deine und meine Sünden an Seinem eigenen Leibe
auf dem Holze! Bei Seinem Anblick müssen die Ketten Satans von unseren Herzen
und unserem Geist abfallen, und wir können nur als verlorene Söhne, die sich
selbst verabscheuen, reumütig zu dem Gott und Vater zurückkehren, der Seinen
eigenen Sohn uns nicht vorenthalten hat. Stünde der Herr Jesus in dieser Weise
stets vor unseren Augen, würde das nicht jedes Werk des Teufels an und in uns
zunichte machen? Stünde Sein Weg immer vor uns, der Weg der Selbstverleugnung
und der immer tiefer werdenden Erniedrigung in den Augen der Menschen, so würden
auch unsere Füße diesen Weg in kostbarer Gemeinschaft mit allen denen gehen, aus
denen eine Gleichförmigkeit mit dem Sohne Gottes hervorstrahlt.
Doch Er ist nicht am Kreuz geblieben. Das Kreuz ist jetzt leer; deshalb
wollen wir nicht dort stehenbleiben, sondern Seinen Pfad weiter verfolgen. Es
ist der Weg, auf dem wir Ihn vorhin gesucht haben, nur diesmal in umgekehrter
Richtung, vorbei an den Hütten der Armen, vorbei an den Palästen und der
Herrlichkeit dieser Erde, auch an den Fürstentümern und Gewalten im Himmel. Wir
steigen immer höher, bis in die höchste Höhe, bis zum Thron Gottes. Dort finden
wir Ihn, der einst in der Finsternis auf Golgatha mit unseren Sünden beladen
war. Hier gibt es keine Erinnerung mehr an die Sünde. Er ist mit Herrlichkeit
und Ehre gekrönt und hat den Ihm geziemenden Platz als der Sohn Gottes
eingenommen. Doch wir brauchen uns nicht vor Ihm zu fürchten: Er ist dort als
Sohn des Menschen, Er ist noch derselbe Mensch. Seine Wundenmale erinnern uns
daran, dass Er unser abgrundtiefes Verlorensein kennt und dafür Sühnung getan
hat. Seine Liebe ist so groß, dass es nur Seiner Gegenwart bedarf, um selbst
jene Herrlichkeit zu einer Stätte zu machen, die "für uns bereitet ist" - zum
Vaterhaus, zu unserer ewigen Heimat.
Doch wir haben bei dem Verfolgen Seines Pfades die Erde unter der Herrschaft
des Teufels zurückgelassen. Soll sie in diesem Zustand bleiben? O nein, denn der
Herr Jesus muss nicht nur dem Glaubensauge, sondern auch der Welt geoffenbart
werden. "Jedes Auge wird ihn sehen" (Offb 1,7); und als die "Sonne der
Gerechtigkeit" (Mal 4,2) wird Er Seine Strahlen der Heilung über die ganze Erde
senden und sie erleuchten. Finsternis und Todesschatten und alle damit
zusammenhängenden Ängste werden fliehen. Die "Zeiten der Wiederherstellung aller
Dinge, von welchen Gott durch den Mund seiner heiligen Propheten von jeher
geredet hat" (Apg 3), haben ihren Anfang genommen.
Wir haben die unumstößliche Zusage Gottes, dass wir mit Ihm in Herrlichkeit
geoffenbart werden (Kol 3). Dazu ist es nötig, dass wir zunächst zu Ihm entrückt
und mit Ihm vereinigt werden (1Thes 4).
Lieber Leser, möchten wir in Treue über unsere Herzen wachen, damit sich der
Feind nicht erschleichen kann, damit die Hoffnung lebendig bleibt, damit der
nach oben gerichtete Blick des Glaubens sich nicht zur Welt herabsenkt und die
Erwartung Seines Kommens nicht eine kalte Form ohne praktische Kraft und Wirkung
wird. Warten wir unbeirrt auf jenen herrlichen Augenblick, auf das Kommen des
Sohnes Gottes aus den Himmeln. "Amen; komm, Herr Jesus!"
ergänzte Übersetzung aus "Hilfe und
Nahrung", Jahrg. 1982, EPV
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